20.10.2011 – Ganz viel Kultur

Sie machen es einem nicht leicht, die Ukrainer (oder wir stellen uns zu doof an).
Ganz einfach zu finden war der Minibus, der zum Livadia Palast fährt. Vermutlich sind wir wieder nicht an der richtigen Stelle ausgestiegen, denn irgendwie sah der Weg, den wir dann gelaufen sind nicht so aus, als würden den in der Hochsaison tausende Touristen lang gehen. Wir waren sowieso fast die einzigen Besucher dort, obwohl in Jalta selbst recht viele Touristen unterwegs sind, jedenfalls an der Strandpromenade.
Im Palast selbst waren die vielen Museumswächterinnen schwer enttäuscht, dass wir nicht verstanden haben, was sie uns sagen wollten. Offenbar sind wir öfter mal in die falsche Richtung gelaufen. Dabei sind wir den Pfeilen mit englischer und russischer Beschriftung gefolgt – aus irgendeinem Grund muss man aber woanders lang gehen. Wo lang genau, da waren sich nicht mal die Museumswächterinnen einig. Sehr verwirrend, das Ganze.
Trotz maximaler Verwirrung und daraus resultierender Angst vor wildgewordenen ukrainischen Omas war es interessant, obwohl ich nach dem 3. Raum mit militärischen Abzeichen und Orden irgendwie das Interesse verloren hatte. Der Palast ist sehr schön gelegen und bot früher bestimmt einen tollen Blick aufs Meer – mittlerweile wird der Blick durch viele Bäume und wenige Bauruinen versperrt.

Wir wollten dann einem für den Zaren angelegten Wanderweg folgen, nur konnten wir den nicht finden. Ausschildern ist der Ukrainer Sache nicht! Hin und wieder gibt es Hinweisschilder, aber für gewöhnlich erst dann, wenn man das Ziel schon sehen kann. Vermutlich sind wir einfach in die falsche Richtung gelaufen, aber die Sehenswürdigkeiten hier sind nicht mal in Google Maps markiert und es gab auch keine Touristenströme, denen man hätte folgen können. Ich vermute sowieso, dass die Ukrainer und Russen nicht so die großen Wanderer sind.

Wir sind dann irgendeinen Weg zurück nach Jalta gelaufen (das war leicht: immer nur den Berg runter) und dort angekommen, wollten wir es mit der Kultur gleich übertreiben und uns noch das Haus von Tschechov anschauen.

Laut Reiseführer die einzige Sehenswürdigkeit direkt in Jalta, die man sich unbedingt angucken muss. Bloß muss man die erstmal finden, die Sehenswürdigkeit.
Wir spazierten also in Richtung der im Lonely Planet angegebenen Adresse (Jalta ist übrigens an einen Berghang gebaut, was zwar schön aussieht, aber mal wieder mit Treppen steigen verbunden ist) und erwarteten unterwegs andere Touristen oder vielleicht doch irgendein Hinweisschild zu sehen. Oder wenigstens ein Cafe, in dem die Touristen sich von dem strapaziösen Aufstieg oder der vielen Kultur erholen können. Nix da.

Plötzlich (aber nicht unerwartet) standen wir vor dem Eingang und liefen auf das Gebäude mit der Beschriftung „касса, cash, Bargeld“ zu. Kein Mensch zu sehen. Wir versuchten unser Glück trotzdem und siehe da, drin saß eine ältere Dame, die auch wieder schwer schockiert von unseren mangelnden Russisch-Kenntnissen war. Sie sollte nicht die Einzige bleiben. Ich kann auf Russisch prima nach dem Weg zu den Toiletten fragen, dummerweise verstehe ich die Antwort dann oft nicht… So auch hier. Jedenfalls standen wir dann vor einem weißen Häuschen, wurden von einer anderen Dame (die sich enttäuscht über unsere schlechten Russisch-Kenntnisse zeigte) in Empfang genommen, die lief mit uns um die Ecke und klingelte an einer Tür.
Es öffnete eine Frau, die uns auf Russisch ansprach, einmal tief durchatmete, als wir erklärten, dass wir kaum Russisch sprachen und uns dann herein bat. Sie fragte „English?“ Das hatten uns schon ganz andere gefragt um dann doch in einem Wahnsinnstempo Russisch mit uns zu sprechen. Sie seufzte und führte uns durch das kleine Haus, während sie tatsächlich auf Englisch (!!!) die einzelnen Räume und Ausstellungsstücke erklärte. Wir waren überwältigt! Mussten aber immer noch zur Toilette. Vorher sah der Plan jedoch offenbar die Besichtigung der Küche vor, die sich im Nachbarhäuschen befand. Also wurden wir an die nächste Dame übergeben, die auch erstmal einen gestressten Eindruck machte, weil wir ihre Fragen auf Russisch nicht verstanden und fragte auch wieder „English?“ Wir nickten. Und bekamen dann eine Erklärung der Küchenutensilien auf Russisch mit einigen englischen Einsprengseln. Das war dann ganz gut zu verstehen. Es ist ja auch nicht so, als würden wir gar kein Wort Russisch verstehen, aber das Tempo und die schiere Anzahl der Wörter, die jeweils auf uns einprasseln, überfordern uns dann doch regelmäßig.
Jedenfalls passte offenbar endlich auch der Toilettengang in das Besichtigungsprogramm, denn diesmal wurde uns bereitwillig der Weg gewiesen.
Wir dachten schon, dass wir jetzt alles gesehen hatten, wurden aber von einer der Damen abgefangen und wieder in ein Haus gebeten. Den Schock über unsere mangelhaften Sprachkenntnisse hatte die gute Frau mittlerweile verdaut und drückte uns eine Mappe mit englischen Erklärungen zu jedem Raum in die Hand und kontrollierte auch regelmäßig, ob wir die richtige Beschreibung zum jeweiligen Zimmer vor uns hatten.

Das war mit Abstand die personalintensivste und liebenswürdigste Museeumsführung, an der ich jemals teilgenommen habe!

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  1. Mum