Von Siem Reap nach Kratie (das „echte“ Kambodscha)

Unsere Eintrittskarte für Angkor war aufgebraucht und vermutlich haben wir auch alles Sehenswerte in und um Siem Reap gesehen. Es war also Zeit aufzubrechen und weiter zu ziehen. Unser nächstes Ziel war Kratie, nordöstlich von Phnom Penh, am Mekong. Dort in der Nähe gibt es noch ca. 160 der vom Aussterben bedrohten Irrawaddy Delfine, und die wollten wir gern sehen, solange es noch geht. Wir haben also ein Ticket für den 7:30 Uhr-Bus gebucht. Die Fahrt sollte angeblich ca. 8 Stunden dauern, aber mittlerweile wussten wir ja, dass man diese Angaben nicht so ernst nehmen sollte. Es gab auch einen Bus um 5:30 Uhr, aber das war uns dann doch zu früh (ist ja schließlich Urlaub). Wie sich später herausstellen sollte, waren wir auch noch vor dem früheren Bus in Kratie, aber natürlich nicht nach 8 Stunden. Da wir das Busticket bei unserem Hotel gekauft hatten, wurden wir dort mit einem Minibus der Busgesellschaft abgeholt. Das klappte auch ganz gut. Dann fuhren wir weitere Hotels an, aber niemand stieg zu. Seltsam! Irgendwann bekamen wir dann doch Gesellschaft von einer jungen, leicht hysterischen Australierin, die immer von irgendwelchen Jungs sprach, die wir auf jeden Fall abholen müssten. Der Fahrer hat sie vermutlich kaum verstanden und noch weniger hat er sich für das kreischende Etwas interessiert. Mittlerweile war es 7:30 Uhr, die Zeit, zu der wir eigentlich im großen Bus sitzen wollten. Nach einem kurzen Zwischenhalt beim Büro der Busgesellschaft fuhren wir zwei der Hotels tatsächlich noch mal an. In einem sammelten wir eine etwas verstrahlte Freundin der keifenden Australierin ein, im nächsten dann tatsächlich „the boys“. Erstmal nur einen, denn der zweite war nicht wach zu kriegen. Der erste hatte Augen, so groß wie Untertassen, meiner Meinung nach war da nicht bloß Alkohol im Spiel gewesen, in der Nacht zuvor. Mit vereinten Kräften schaffte es dann auch Tom in das Fahrzeug. Der saß hinter mir und ich hatte die ganze Zeit Angst, dass der mir in den Nacken kotzt. Mittlerweile war es 8 Uhr und unser Bus sollte ja um 7:30 Uhr fahren… Es ist alles gut gegangen, niemand hat sich übergeben, unser Bus hat auf uns gewartet und die verstrahlten und / oder hysterischen Spinner wollten woanders hin. Sehr gut. In unserem Bus waren wir die einzigen Ausländer – wir entfernten uns ganz offensichtlich von den ausgetretenen Touristenpfaden. Ein komisches Gefühl war es trotzdem, als einzige keine Ahnung zu haben, wie das alles funktioniert und als einzige von der lebhaften Diskussion ausgeschlossen zu sein, die sich recht schnell im Bus entspannte. Irgendwann fing die Klimaanlage an auf meinen Sitz zu tropfen, das Problem wurde zwar erstmal nicht behoben, aber es gab genug freie Plätze für einen Umzug ins Trockene. Draußen zog das pralle Leben am Rande mehr oder weniger guter Straßen an uns vorbei. Plötzlich hielten wir in irgendeiner Stadt, die nicht Kratie war, und alle verließen den Bus. Wir standen noch blöd und mit fragendem Gesichtsausdruck rum, als ein Typ auf uns zu kam und fragte „Kratie“ und uns dann bedeutete aus dem Bus auszusteigen und ihm zu folgen. Ok. Was blieb uns auch anderes übrig? Wir liefen auf einen Minibus zu, in Europa werden die wohl als 12-Sitzer verkauft, aber hier passen mindestens 15 Asiaten und der Hausstand eines mittelgroßen Dorfes in so ein Fahrzeug. In „unserem“ Minibus saßen bis dato nur 6 Asiaten und ein Baby, es war also noch viel Platz. Aber dafür hatte das Auto selbst für kambodschanische Verhältnisse schon bessere Zeiten gesehen. Wir und unsere Rucksäcke stiegen ein. Eng war es. Da saßen wir nun in der brütenden Hitze ohne Klimaanlage und wussten nicht wie uns geschieht. Die Mitreisenden fingen an sich zu streiten (glaube ich) und sonst passierte nichts. Marcus und der Fahrer waren die einzigen Männer im Wagen und eine der Frauen zeterte in einer Tour… Irgendwann ging es los. Wir hielten vor einem „Reifengeschäft“ und die nächsten 20 Minuten lang probierten mehrere Menschen 4 große Traktorreifen in oder an unser Auto zu kriegen. Mit Erfolg! Also holperten wir los. Es waren noch knapp 90 km bis zum Ziel. Wenn man aus einem Land kommt, in dem einem der Eindruck vermittelt wird, dass akute Lebensgefahr besteht, wenn irgendwas kein TÜV-Siegel bekommt, dann kann das in einem kambodschanischen Minibus eine ganz schön lange Strecke sein. Ich hatte zwar die Hoffnung, dass die anderen Insassen die Fahrt auch überleben wollten, aber so ganz sicher konnte man sich da nicht sein. Ich fühlte mich durchaus ein bisschen ausgeliefert, in einem schrottreifen Fahrzeug, mitten im nirgendwo und hinter mir Traktorreifen, die in jeder Kurve hin und her rollten. Mir lag ein Vortrag über Ladungssicherung auf der Zunge, aber den hätte ja eh keiner verstanden. Ab und zu haben die Kambodschaner vor uns sich umgedreht und gelacht. Haben die uns angelacht? Ausgelacht? Irgendwann kamen wir tatsächlich (durchgeschüttelt, durchgeschwitzt und mit eingeschlafenen Gliedmaßen) in Kratie an. Und stellten nach einem Blick auf andere Minibusse fest, dass es uns viel schlimmer hätte treffen können. Nun also schnell zum gestern online gebuchten Hotel. Endlich eine Dusche! Wir kommen am Hotel an, das von außen (im Vergleich zum Rest von Kratie) wirklich vorzeigbar aussieht. Leider erklärt uns der Mann an der Rezeption, dass ja gar kein Zimmer mehr frei sei und dass er sich um eine andere Unterkunft für uns kümmert. Hm. Also noch keine Dusche. Nun ja, ziemlich schnell waren wir in einem anderen Hotel untergekommen, haben etwas gegessen, viel Angkor-Bier getrunken und uns mit dem chaotischen und anstrengenden Tag versöhnt.

2 Gedanken zu „Von Siem Reap nach Kratie (das „echte“ Kambodscha)

  1. Das klingt ja sehr aufregend. Ich habe beschlossen, für mich ist das nichts. Dann fahre ich doch lieber Rad. Da ist es zwar manchmal auch sehr heiß, aber man kann das Geschehen und das Tempo selbst beeinflussen. Viel Spaß und gutes Licht für Fotos bei den Delphinen.

    1. Es werden hier auch Fahrradreisen angeboten und das Land ist über weite Teile ziemlich flach. Im Dezember beispielsweise ist es auch nicht ganz so heiß.

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