Glück gehabt

„Glück gehabt“ dachte ich, als ich in Kambodscha an den Hütten der Dorfbewohner vorbei gefahren bin. „Glück gehabt“ dachte ich auch ein Jahr später, als ich unverhofft und ungeplant in Jakarta mitten in einem Slum stand. Glück gehabt, dass ich in Deutschland geboren wurde und meine einzige Sorge ist, dass mir mein Job momentan wenig Spaß macht.

„Absolut unverdientes Riesenglück gehabt“ denke ich auch, wenn ich im Fernsehen Bilder aus Syrien sehe oder von überfüllten Booten im Mittelmeer. Und dann kommen die Nachrichten aus Deutschland und ich möchte wegschalten, weil schon wieder eine Flüchtlingsunterkunft gebrannt hat und schon wieder Ausländer angegriffen und beschimpft wurden. Angewidert und verständnislos stehe ich dem Hass der online verbreitet wird gegenüber und möchte mit diesen „Asylkritikern“ und „Patrioten“ nicht in einem Land leben.

Leider hilft wegschalten und jammern nicht – also bin ich heute zur Notunterkunft für Flüchtlinge in Karlshorst gefahren um dort in der Kleiderkammer zu helfen.

Die Notunterkunft wird vom DRK betrieben, bei denen man sich am Eingang als Helfer erstmal anmelden muss. In der Kleiderkammer wurden wir mit einem Namensaufkleber ausgestattet und es wurde kurz gezeigt wo alles ist („Kammer“ ist hier nicht das richtige Wort) und schon ging es los.

Kleiderkammer Flüchtlingsunterkunft

Mir werden Mohammed und sein Vater zugeteilt und wir gehen zusammen durch die Gänge. Mohammed braucht Shampoo und Schreibmaterialen, sein Vater eine Hose und Schuhe zum Fußballspielen. Jeder Flüchtling hat vom DRK eine Registrierungskarte bekommen und auf dieser wird alles vermerkt was derjenige mitnimmt. Das soll dafür sorgen, dass die Spenden gerecht verteilt werden. Nur was ist denn gerecht? Wie viele Unterhosen braucht man denn so? Und wie viele T-Shirts? Männerschuhe sind besonders knapp und extra Bedarf für Sportschuhe ist nicht vorgesehen. Andererseits leben auf dem Gelände hunderte von Menschen auf engem Raum und haben absolut nichts zu tun, keine Aufgabe, keine Beschäftigung- da ist Sport machen vermutlich nicht die schlechteste Idee.

Mir war vorher nicht klar, dass der Bedarf an Kleidung, Schuhen und Drogerieartikeln ausschließlich über Spenden gedeckt wird. Wenn keiner Unterhosen spendet, dann haben die Menschen dort keine.

In den nächsten zwei Stunden habe ich einige Leute zwischen den Regalen und Kleiderständern langgeführt. Schüchterne Teenager, die gerade neu angekommen waren und nichts besaßen, als das was sie anhatten. Junge Männer, die das eine T-Shirt, das sie mitnehmen durften, sehr sorgfältig ausgesucht haben. Es gibt dort keine Spiegel oder Umkleidekabinen und wir Helfer*innen waren abwechselnd Modeberater, Packesel und streng („Nur ein T-Shirt“, „Schuhe hatten Sie schon beim letzten Mal“, „Nicht mehr als zwei Einwegrasierer“).

Zwischen 12 Uhr und 15 Uhr ist die Kleiderkammer geschlossen und wir räumten die Regale auf und sortierten neue Spenden ein. Vor der Tür spielte ein Streichquartett vor einem begeisterten Publikum, denn wie gesagt – es gibt auf dem Gelände für die Bewohner sonst nichts zu tun. Da ist jede Unterhaltung eine willkommene Abwechslung. Ich hab mich dann für heute erstmal verabschiedet.

Wer auch helfen will, der findet im Internet viele Informationen zu lokalen Initiativen. Eine Übersicht für Berlin gibt es z.B. hier: https://netzwerkfluechtlingeberlin.wordpress.com/. Um dem Hass online etwas entgegenzusetzen und um die Flüchtlingshilfe zu unterstützen, haben sich viele deutsche Blogger hier vernetzt: http://www.blogger-fuer-fluechtlinge.de/.

Wer Kleidung spenden möchte sollte vorab kurz mal diesen Beitrag lesen: http://www.bachmichels.de/2015/08/09/die-4-typen-von-kleiderspendern/.

Und wenn die Geflüchteten dann mit dem Nötigsten versorgt sind, dann sollten wir als Gesellschaft uns mal langsam Gedanken darüber machen, wie wir in Zukunft mit Flüchtlingen umgehen wollen. Einfach hoffen, dass keine mehr kommen, dürfte vermutlich nicht funktionieren.